Mittelfeldmotor Benny Kauffmann spricht

„Ich fühle mich unvollständig“

 

„Ich fühle mich unvollständig“

Nach Nordhausen ist Benny Kauffmann gekommen, um mit der Mannschaft in die 3. Liga aufzusteigen. Das „Projekt Aufstieg“ blieb bisher ein Traum. Der 29-jährige Mittelfeldspieler gibt die Hoffnung aber nicht auf. Zukunft Aufstieg, Gegenwart englische Wochen. Die Nordhäuser sind mittendrin im Vier-Tages-Rythmus. Im Interview mit Sandra Arm sprach der Student des Internationalen Managements über seine neue Rolle im Team, seine fußballfreie Vergangenheit und einen tierischen Begleiter.

 

Aktivposten im Mittelfeld: Dauerläufer Benny Kauffmann

Benny, fährst du gern Achterbahn?
Ich liebe es Achterbahn zu fahren. Warum?

Es liegen aufregende Monate hinter dir, nachdem du im Sommer 2016 nach Nordhausen gekommen bist. Du durchlebtest einige Höhen und Tiefen. Auf welchem Teilabschnitt bist du gerade unterwegs?
Wenn man die perfekte Achterbahn bauen wollte, dann müsste man sich nur meine eineinhalb Jahre in Nordhausen anschauen. Rückblickend möchte ich sowas wie die erste Saison nicht noch einmal erleben. Aber die Vergangenheit holt einen doch immer wieder ein. Momentan befinde ich mich im Aufschwung, es geht langsam wieder aufwärts.

Du wurdest inmitten deiner ersten Saison in die 2. Mannschaft „versetzt“. Wie hast du in dieser Situation die Motivation aufrechterhalten?
Das ist hauptsächlich eine Eigenmotiavtion. Ich bin seit zehn Jahren im Profigeschäft und habe viel gelernt. Gerade, wenn man sieht, wie sich Spieler aus der 2. oder 3. Liga verhalten, die ähnliche Vorgänge miterleben mussten. In solchen Situationen ist es wichtig, ein noch professionelleres Verhalten an den Tag zu legen. Ich wusste, irgendwann kommt der Tag, da ich wieder gebraucht werde und fit sein muss. Darauf habe ich hingearbeitet.

Und dieser Tag kam. Mit der Verpflichtung von Volkan Uluc als neuen Trainer.
Das ist nicht ganz richtig. Mein erstes Spiel wieder ins Team war gegen Lok Leipzig (Anmerk. 26. April 2017). Die Verantwortung lag in diesem Spiel bei Martin Hauswald und Tomislav Piplica. Sie waren es auch, die gleich zu mir gekommen sind und mich zur Ersten zurückgeholt haben. Nach diesem Spiel wurde die Verpflichtung von Volkan Uluc bekannt gegeben.

Wie würdest du deine aktuelle Situation beschreiben?
Im Vergleich zur Vorsaison verläuft die Achterbahnfahrt nicht so extrem. Anfangs der Saison habe ich mich ein bisschen schwer getan, danach aber meine Einsatzzeiten bekommen und auch ganz ordentlich gespielt. Wenngleich es nicht das war, was ich zu leisten im Stande war. Es prallten einfach zwei Welten aufeinander: Anspruch und Realität haben einfach nicht gepasst. In meiner einwöchigen Auszeit bei der 2. Mannschaft konnte ich mir darüber Gedanken machen. Durch die Winterpause und Gespräche mit Volkan Uluc ist mir bewusst geworden, was für meine Person und meine Spielweise wichtig ist. Seither bin ich auf dem richtigen Weg.

Was ist in dieser Zeit beziehungsweise in deinem Kopf passiert?
Wir Fußballer brauchen ab und zu mal einen Tritt in den Hintern, um wieder in die richtige Spur zu finden. Natürlich macht man sich Gedanken: Was kann ich besser machen? Was muss ich besser machen? Mir haben die Gespräche mit Volkan Uluc sehr geholfen. Sie waren für mich der Wendepunkt, wo ich gemerkt habe, mach einfach das, was der Trainer sagt, dann bist du auf dem richtigen Weg.

Er muss die richtigen Worte gefunden haben. Du hattest in diesem Jahr immer einen Platz in der Stammelf sicher. Wie würdest du deine aktuelle Rolle im Team beschreiben?
Ich bin im Vergleich zur Vorsaison nun mehr im defensiven Mittelfeld zu finden. Wenn man meine Spielweise aus dem Vorjahr und jetzt vergleicht, dann stellt man extrem viele Unterschiede fest. Ich war vorher offensiver, viel stürmischer. Es war mehr nach Intuition, wie ich gespielt habe. Jetzt gibt man mir einen richtigen Plan mit, wie ich spielen soll.

Liegt dir diese Position besser?
Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich immer wieder nach vorn dränge. Ich denke im defensiven Verhalten noch zu sehr wie ein Offensiver. Dennoch glaube ich, dass ich es schon gut hinbekomme. Gerade auch in der Kombination mit Tobias Becker, der noch defensiver steht. Wir ergänzen uns ganz gut. Das gilt auch im Zusammenspiel mit Peßo (Anmerk. Matthias Peßolat).

Dein Partner im Mittelfeld ist Lucas Scholl, der den offensiveren Part übernimmt. Wie funktioniert euer Zusammenspiel?
Lucas ist ein ganz spezieller Fall. (lacht) Ihn muss man auch ein bisschen machen lassen. Er hat überragende Qualitäten. Wenn er aus jugendlichem Eifer heraus Dinge macht, mit denen man nicht unbedingt rechnet, dann bleibe ich als erfahrener, älterer Spieler etwas tiefer und sichere ihn ab.

Ihr seid mitten in den englischen Wochen. Kanst du diesem Spielrhythmus etwas positives abgewinnen?
Tino Berbig hat uns in einem deiner vorherigen Interviews aus der Seele gesprochen. Jeder spielt lieber als er trainiert. Dieser Rhythmus, alle vier Tage ein Spiel zu haben, geht zwar ordentlich auf die Knochen, aber man freut sich über jedes Spiel, was jetzt noch kommt. Dennoch ist es fast schon ein wenig zu heftig. Sieben englische Wochen am Stück, das könnte man vielleicht doch ein bisschen anders lösen.

Angesichts dieses Mammutprogramms, wie sehr wünscht ihr Spieler den 12. Mai entgegen?
Schon ein bisschen. Natürlich freuen wir uns, wenn wir den 12 Mai erreicht haben. Noch mehr, wenn wir die Saison mit dem zweiten Platz abschließen können. Bis dahin haben wir noch einiges zu tun. Es warten noch interessante Aufgaben wie das Kräftemessen gegen Cottbus oder Dynamo Berlin auf uns.

Wie empfindest du deine Zeit in Nordhausen?
Für mich ist es momentan eine interessante Zeit. Auch auf die Entwicklung der Mannschaft bezogen. Vor uns liegen noch zehn Ligaspiele, die mit Blick auf die kommende Saison nicht unwichtig sind. Ich hoffe darauf, dass die nächste Saison die schönste meines Lebens sein wird. (lacht)

Die ersten Signale wurden mit der Verlängerung der Verträge des Trainerteams gesendet. Welche Rolle spielt das in deinen Überlegungen? Dein Vertrag läuft ja im Sommer aus…
Als Spieler gilt es zwei Komponenten – die private und die sportliche – abzuwägen. Bei letzterer schaut man schon, was hat der Verein in der Zukunft vor und kann man sich mit ihm den Weg vorstellen. Dazu gehört der Trainer, das Umfeld und die Infrastruktur. Ich bin mit dem Ziel nach Nordhausen gekommen aufzusteigen. Das hat ihn den ersten zwei Jahren nicht geklappt. Für mich ist das Projekt in Nordhausen noch nicht beendet, ich fühle mich unvollständig.
Das andere, was dagegen spricht ist das Private: Meine Freundin kommt aus München, ich bin gebürtiger Bayer. Ich würde lügen, wenn ich das nicht abwägen würde, ob ich wieder in die Heimat zurückkehre oder nicht. Ich werde demnächst 30., da macht man sich schon seine Gedanken um die Zukunft. Aber meine Familie, die Schwiegereltern und meine Freunde stehen voll und ganz hinter mir. Die wissen, dass ich noch topfit und im besten Fußballalter bin. Ich denke, dass das Ziel Aufstieg im nächsten Jahr noch angegriffen werden sollte.

Schaut man sich deine letzten Spielerstationen an, dann ist von Beständigkeit wenig zu sehen. Seit 2010 warst du bei sieben Vereinen (Ingolstadt, Babelsberg, Unterhaching, Goslar, Bamberg, Burghausen und Nordhausen) aktiv.
Beständigkeit wäre mein größter Wunsch gewesen. Nach Hause zu kommen, bodenständig zu sein und nicht dauernd zu wechseln. Es kam anders. Eigentlich hatte ich in Ingolstadt alles. Ich stand im Zweitliga-Kader, bekam Einsatzzeiten, die Familie war da und ich wollte nicht weg. Mit dem Trainerwechsel änderte sich die Situation, ich bin zum Drittligisten nach Babelsberg gewechselt. Bei den nachfolgenden Vereinen gab es unterschiedliche Gründe: Trainerwechsel, Verletzungen, Aufstiegsverzicht und Fast-Insolvenz.

Du wurdest bei 1860 München ausgebildet. Warum hat es nie zum großen Sprung in den Profikader gereicht?
Bei den 60ern war es nicht die Zeit, in der es viele junge Spieler in den Kader der Ersten geschafft haben. Vielleicht hat es mir am letzten Biss gefehlt. Noch dazu braucht man das gewisse Glück. Ich hatte mich in der wichtigsten Phase meiner Karriere schwer am Rücken verletzt. Ein Gelenkwirbel war gebrochen. Die Ärzte wussten zunächst nicht, was es ist. Sie sagten mir, ich solle mit einer Ausbildung oder einem Studium anfangen. Ich stand damals als 18,19-Jähriger am Scheideweg.

Das heißt, du befandest dich eigentlich schon auf dem Abstellgleis?
Ja, die Ärzte wussten sich keinen Rat und sagten nur, dass ich nicht mehr fit werde. Das als junger Bursche zu hören, war für mich eine schwere Zeit. Ich war bei zehn, zwölf Medizinern, auch nach der fünften MRT-Untersuchung gab es keine eindeutige Diagnose.

„Ich hoffe, dass die nächste Saison die schönste meines Lebens sein wird.“ Benny träumt vom Aufstieg mit Wacker.

Dennoch spielst du jetzt wieder Fußball. Was ist passiert?
Ich war zwei Jahre außer Gefecht gesetzt. Das erste Jahr war furchtbar, ich konnte mich kaum bewegen und war froh, dass ich schmerzfrei liegen konnte. Und ab dem Zeitpunkt als ich von einem der Ärzte erfuhr, was es genau ist, konnte das spezielle Reha-Programm mit Muskelaufbau und Stabilisation des Rückens beginnen. Und auf einmal war ich wieder schmerzfrei.

Einfach so?
Nach einem Jahr und elf Monaten stand ich irgendwann wieder auf dem Platz, um mich vorsichtig heranzutasten. Auf einmal war ich vom Rücken beschwerdefrei – und das bis heute.

Dennoch hast du auf den Rat der Ärzte gehört und dich beruflich orientiert.
Ich bin in der Zeit zurück nach Ingolstadt, stand im Kader der zweiten Mannschaft, um nach der Verletzungspause langsam wieder in Tritt zu kommen. Zeitgleich habe ich eine Ausbildung zum Automobilkaufmann angefangen und nach eineinhalb Jahren abgeschlossen. Ich bin stolz auf mich. Alles, was ich bisher angefangen habe, habe ich auch zu Ende gebracht. Beim Studium sind noch ein paar Fragezeichen, aber auch das werde ich zu Ende bringen.

Was genau studierst du?
Ich studiere Internationales Management an der Fernhochschule Riedlingen. Es läuft wie ein ganz normales Studium ab, im sechsten Semester folgt die Bachelorarbeit. Man hat aber auch die Möglichkeit, es um weitere drei Jahre zu strecken. Ich habe gerade das dritte Semester angefangen. Es gibt sehr interessante Fächer, die mir leicht fallen. Sobald allerdings Zahlen und Formeln auftauchen, legt sich bei mir der Schalter im Kopf um und ich tue mich richtig schwer.

Abwechslung verspricht Zwergspitzrüde Philly. Durch den bist Du auch abseits des Fußballplatzes richtig mobil. Wie bist du auf den Hund gekommen?
Benny Kauffmann: Zuhause bin ich mit einem Schottischen Hütehund aufgewachsen. Ich wollte schon immer einen Hund haben. Eigentlich war ein etwas größerer Hund in Richtung Labrador geplant. Da ich viel allein und abhängig von anderen Leuten bin, die ihn während meiner Abwesenheit übernehmen, tut man sich mit einem kleinen Hund etwas leichter. Meine Freundin ist auf die Rasse Zwergspitz gekommen. Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, war es Liebe auf den ersten Blick. Philly ist jetzt seit zweieinhalb Jahren bei mir.